‚Ich find es widerlich, was wir für eine Gesellschaft sind, wie VIEL wir einfach glauben zu brauchen‘ – Ein Interview mit dem Nachwuchs-Model Greta Nehrenberg (17)

Foto: Christine Lutz

Es ist einer dieser nordisch grauen Sonntag Morgen, an dem wir Greta in Bargeshagen bei Rostock besuchen. Dort lebt sie gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Katze in einem hübschen, klassisch roten Schwedenhäuschen.

Foto: Christine Lutz
Foto: Christine Lutz

Kaum angekommen, machen wir es uns auf Gretas Teppich in ihrem Zimmer bequem und reden ein bisschen. Tine fotografiert. Ich schau mich um, fotografiere sozusagen mit meinen Augen.

Foto: Christine Lutz

Dabei vergesse ich, Greta meine Fragen zu stellen. Irgend etwas fesselt mich, dann läßt es mich wieder los und meine Blicke wandern weiter durch den Raum, der ziemlich leer ist, aber dennoch reich an Gegenständen, die jeder für sich etwas erzählen. Ich fühle mich zurückgebeamt in meine eigene, alte ‚Zimmerwelt‘ bei meinen Eltern, zurück in diese Stimmung des Aufbruchs, die sich in jeder Ecke, an jeder Wand, einfach überall im Raum breitmacht. Greta hat noch alles vor sich.

Foto: Christine Lutz

 

Du modelst. Wie kamst du dazu?  Mein Booker hat mich bei Instagram entdeckt und angeschrieben. Irgendwie war er auf mich aufmerksam geworden und folgte mir. Dann schrieb er mich einfach an, stellte mir ein paar Fragen und bat mich, ihm Selfies zu schicken, auf denen ich ungeschminkt sei. Ich schickte sie ihm und er lud mich in seine Agentur nach Hamburg ein. Er war begeistert!

Wir denken, dass das mit dem Modeln bei dir richtig gut laufen wird. Was denkst du selbst? Das Ding ist ja, dass ich es mir anfangs gar nicht gewünscht habe! Es hat mich eher überrumpelt! Ich sehe das relativ unkompliziert. Wenn es so gar nicht läuft, und ich aufhören muss, dann mach ich eben etwas anderes. Vielleicht wende ich mich dann der Schauspielerei zu. Da gibt es ja einige Parallelen.

Foto: Frauke Fischer

Du sagtest, früher hättest du im Traum nicht daran gedacht, irgendwann mal ‚als Model‘ angefragt zu werden. Warum? Naja, weil ich ja nur die richtig krassen Models kannte, die für mich irgendwie ‚alle gleich‘, und auf jeden Fall ganz anders als ich aussahen. Deswegen habe ich das nie in Betracht gezogen. Für mich mussten Models Schlauchbootlippen haben, schöne gerade Zähne und anliegende Ohren. Insofern war ich raus.

_MG_4316_web_bw
Foto: Christine Lutz

Wie hast du dich wahrgenommen? Ich hab mir gar nicht so viele Gedanken über mich gemacht, sondern alles so hingenommen wie es war. Außer dass ich mir früher nie ein Zopf gemacht habe, weil man dann ja meine Segelohren gesehen hätte.

Wie nimmst du dich heute wahr? Eigentlich nicht anders, außer dass ich jetzt verstanden habe, dass das, was ich früher nicht so schön an mir fand, gerade das Besondere und Interessante an mir ist und mich ausmacht. Ich fühle mich wohl wie ich bin und glaube, dass genau das sichtbar wird und somit entscheidend ist. Aber genauso wichtig ist es, dass man es mit der Ausstrahlung ‚wie schön man sich fühlt‘ nicht übertreibt, denn dann wird es schon wieder lachhaft.

Deine Ohren fallen ein wenig auf, weil sie nicht anliegen. Erzählst du uns noch einmal die Geschichte von der Stylistin und Ihrer Klebe-Idee? Gerne! Ganz am Anfang – ich glaube, es war eines meiner ersten richtigen Shootings – hat mal eine Visagistin zu mir gesagt, ich könnte, falls ich Probleme mit meinen Ohren haben sollte, diese auch ganz leicht mit Sekundenkleber ankleben. Der Fotograf bejahte dies ganz freundlich und fügte noch hinzu, dass das mit Butter auch ganz leicht wieder abginge. Daraufhin war ich voller Freude erfüllt und bedankte mich, mit einem Funkeln in den Augen, ganz herzlich für den super Tipp. Im Nachhinein dachte ich mir nur, wie unfähig die mit der Auswahl der Models umgegangen sind.

Wenn du fotografiert wirst, legst du einen für uns perfekten Model-Blick auf. Was spielt sich da in deinem Kopf ab? Also ich hab jetzt nicht unbedingt das Gefühl, dass ich einen ‚Blick auflege‘. Ich lass mich einfach fallen und vergesse, warum ich wo bin. Ich bin einfach entspannt. Oft ist es auch so, dass man sich nur auf die Sachen, die man anhat einlassen muss. Die machen ja auch schon ganz viel mit einem. Dann kommt noch die Umgebung dazu, und schon ist man ganz woanders mit seinen Gedanken. Der Fotograf hilft natürlich auch immer, finde ich, indem er Bescheid gibt, dass das gut ist, was man macht. Das kann man sich auch nicht abschauen, da spielen in erster Linie die eigenen Gedanken eine Rolle. Entweder kann man sich komplett fallen lassen und alles Mögliche ausblenden oder halt nicht. Ich habe immer das Gefühl, Leute, die auf keinen Fall ‚hässlich‘ aussehen wollen, können das nicht. Und eine gute Mimik ist wichtig. Mir macht so etwas total viel Spaß, vielleicht kann ich deshalb alles gut umsetzen.

Foto: Christine Lutz

Wie sieht es mit deiner Ernährung aus? Ich liebe Essen! Das liegt bei mir in der Familie. Wir zelebrieren es! Trotzdem bin ich richtig gesund aufgewachsen, mit möglichst unverarbeiteten Produkten, alles bio und so. Für mich ist das ganz normal. Ich will es auch, ehrlich gesagt, nicht anders ausprobieren. Zuhause ernähre ich mich größtenteils vegan, gluten- und industriezuckerfrei. Es macht mir richtig Spaß, mich gut und gesund zu ernähren. Vielleicht ist es das, woran andere oft scheitern.
Außerdem kann ich gut kochen. Ich brauche das richtig. Das liegt in meinen Genen.  Meine Mama und meine Oma können sehr gut kochen und mein Urgroßvater war Konditor. Sich gesund zu ernähren, ist ja heutzutage nicht mehr der Hit, aber das Gesunde mit dem Leckeren zu kombinieren, darin liegt für mich eine wahre Herausforderung!

Wenn dir deine Gesundheit wichtig ist, treibst du bestimmt auch viel Sport? Früher hab ich nichts mehr gehasst, aber seitdem ich Yoga mache, hab ich meinen Spaß daran gefunden. Jeden Tag nach dem Aufstehen 10 Minuten und am Wochenende kleinere Work-Outs, alles zuhause, wir wollen ja nicht gleich übertreiben. Wichtig dabei ist gute Musik, 80er oder 90er Techno spornt mich so richtig an!

Wir haben dich in deinem Heimatort geshootet, in deinem Zimmer und auf dem Acker. Du lebst nicht gerade urban. Wie sieht denn dein Lebensplan aus? Land oder Stadt? Land. Ich hätte kein Problem, einen Teil meines Lebens in der Stadt zu verbringen, gerade in den jungen Jahren. Wenn ich mich irgendwann niederlassen will, dann auf jeden Fall auf‘m Land, vielleicht auch in Südschweden oder so, da ist noch schön viel Grün. Wenn ich alt werde hingegen, wäre die Stadt dann auch wieder ganz praktisch.

Foto: Sara Merz
Foto: Sara Merz

Natur oder Cafés, Bars, Clubs, Nightlife? Ich würde sagen die Mischung macht‘s! Wenn man auf‘m Dorf lebt, muss man auf jeden Fall abends weg und unter Leute, also ich zumindest. Aber dann ist es auch wieder schön nach‘m Feiern im Garten in der Hängematte zu liegen oder so. Also ohne das eine schätzt man das andere nicht, denke ich.

Du hast eine sehr enge Bindung zu deiner Katze. Sie folgt dir wie ein Hund. Was ist da zwischen Euch? Man kann sagen, dass Dickie meine Therapeutin ist, das ist ja oft so bei Tieren. Ihr erzähle ich meine tiefsten Sorgen, die sonst Niemand weiß. Und ich würd auch sagen, dass wir Kumpels sind, so sieht sie uns, denk ich. Und ich glaub‘, wenn ich sie nicht hätte, dann hätte ich Aggressionen oder Depressionen oder so, weil ich schon manchmal ausraste und sie die einzige ist, die fähig ist, mich zu beruhigen, allein indem sie daliegt wie so‘n fetter Sack.

2017_01_22_GoDada_PORTRAIT_Greta_Nehrenberg_web_MG_0357
Foto: Christine Lutz

Was macht sie, wenn du nach dem Abi ausziehst? Dann chillt sie hier mit meinen Eltern und wird fett, weil ich dann nicht mehr aufpassen kann. Ich werde sicherlich oft zu Besuch kommen. Und ich hol mir dann bestimmt Dickie 2, weil: Ohne Katze geht nich‘.

Dein Zimmer ist sehr aufgeräumt und übersichtlich. Kaum Klamotten. Wie stehst du zum Konsumieren? Ja, find ich scheiße. Also, ich find es widerlich, was wir für eine Gesellschaft sind, wie VIEL wir einfach glauben zu brauchen. Ich hab mich im letzten Jahr viel mit Minimalismus beschäftigt und herausgefunden, dass es eben auch mit weniger, dafür nachhaltiger geht. Und dementsprechend sieht auch mein Zimmer so aus, später dann meine Wohnung, und so hoffe ich mal, zieht sich das durch mein Leben. Es ist auch einfach viel befreiender ohne Möbel und so viel Kram. Ob meine Uhr nun `ne Rolex ist oder irgendeine aus `nem Umsonstladen, die Zeit läuft letztendlich auf beiden gleich. Genauso ist das mit Autos und Möbeln, wenn man mich fragt.

Wenn man in der Mode unterwegs ist, hat das sehr viel mit Äußerlichkeiten zu tun, und auch mit Kaufen, also Geld. Was bedeutet dir das? Naja, wenn man gut ist und ein klein bisschen Stilbewusstsein besitzt, dann kann man ja auch schummeln. Was gut aussieht, muss nicht immer teuer sein. Ich gehe auch sehr selten in Läden wie H&M oder Zara, höchstens um Hosen zu kaufen. Eher trage ich zeitlose Oberteile von meinem Bruder, Papa oder Opa. Wenn ich in etwas investiere, dann lieber in langlebige Sachen wie Jacken, Schuhe oder Uhren. Ich halte es auch ganz gerne schlicht, so kann man auch nichts falsch machen.

Kannst du dich abgrenzen und nein sagen? Nach dem Motto: ‚Das gefällt mir zwar, aber ich muss es nicht haben, besitzen. Mittlerweile schon. Früher hab ich viel eingekauft, fast immer, wenn es mir gefallen hat. Jetzt überlege ich immer gleich, ob ich überhaupt Sachen hab, die dazu passen? Und wann ich es dann anziehe? UND brauch ich es überhaupt? Danach fällt mir die Entscheidung leichter. Oder ich kaufe mir etwas und gebe dafür ein anderes Stück ins Sozialkaufhaus oder in die Kleidertonne.

Wie stehst du zu Leuten, die sich stark über Äußerlichkeiten definieren? Ja, ‘cool’! Wenn sie meinen, das ist alles, dann mal los! Also, es ist schon wichtig, aber auch nicht immer und es ist niemals alles. Wenn man scheiße gekleidet ist, aber einen ‚hammer‘ Charakter hat, ist es ja komplett egal, was man anhat, andersherum wäre das schon wieder ein bisschen blöd.

Wann schließt du andere Menschen in dein Herz? Wenn sie meinen Humor treffen, ist das an sich schon `ne Punktlandung. Damit verbinde ich auch Offenheit und Herzlichkeit. Leute, die nie auf den Punkt kommen oder nur Sachen sagen, weil sie ‘cool‘ sind, find ich echt anstrengend.

Wie steht’s um Freunde? Also in der Schule hab` ich meine beste Freundin und noch ein paar andere, die mir ziemlich wichtig sind, mit anderen wiederum kann ich nichts anfangen. Aber es gibt ja auch ein Leben und Freunde außerhalb der Schule. Ob das nun viele Freunde sind, kann ich schlecht beurteilen, zumindest sind es sehr gute, und das ist ja die Hauptsache.

Was für Musik hörst du? Deutschrap (RostockRiotRap), Techno und 70er bis 90er und `bisschen Trash ist auch manchmal dabei!

Worauf achtest du, wenn du Musik hörst? Auf den Beat und auf die Texte, wie wahrscheinlich die meisten. Rap hör ich, wenn ich nichts im Kopf hab, damit wieder was reinkommt, und zum Abreagieren natürlich, am liebsten im Schubskreis. Bei Techno schwebt man halt. Da lass` ich mich komplett gehen und meine Gedanken gleiten. Zwei sehr enge Freunde von mir sind DJs, dadurch krieg ich immer `was Neues auf die Ohren.

Kannst du eigentlich gut auf dich aufpassen? Ich denk` schon. Also ich hab` zwar Mega-Angst, sobald ich alleine bin, aber bis jetzt hab ich es immer überlebt. Wenn meine Katze da ist, ist es halb so schlimm, aber genauso gerne halte ich dann mein vollgeladenes Telefon und eine spitzen Gegenstand griffbereit. Komischerweise ist das in anderen Städten und Ländern gar nicht so, da komm ich echt gut klar.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was du machst, wenn du in eine unangenehme Situation gerätst, beispielsweise am Set? Ein Typ kommt dir zu nah, jemand belästigt dich…. Wie löst du das? Das hatte ich sogar schon mal, da sollten wir so tun als ob wir so`n bisschen rangeln würden. Der Typ nimmt mich direkt hoch, schmeißt mich durch die Gegend und schubst mich übelst rum. So schnell konnte ich gar nicht reagieren. Ich hatte sogar rote Flecken an den Armen, die dann überschminkt werden mussten, weil der mich so angepackt hat. Aber alles fürs Foto, ne! So kennt man das ja. Danach hab` ich ihm erstmal straight gesagt, dass er mal einen Gang runter fahren und `bisschen chillen soll, man hätte das Ganze auch sanfter machen können. Er hat nur gelacht, ich glaub es hat ihm Spaß gemacht.
Ja und so generell, einfach direkt raus, wenn ich ein Problem hab, dann sag ich das halt. Aber ich bin eher unkompliziert und auf Meckern hab ich jetzt auch nicht so bock. Und grundsätzlich hab` ich auch kein Problem mit Nähe. Ist ja dann nur fürs Foto.

Foto: Frauke Fischer


Ein Lebensmotto? No risk no fun, das ist mein Motto. Oder: Je suis Bernd.

Ein Idol? Ne, hab ich jetzt gar nicht. Ich glaub das würde mir auch in gewisser Weise `ne Schranke setzen.

Einen innigsten Wunsch? Ich würd` Maeckes gern mal live sehen, aber der kommt ja nie nach Rostock.

Einen Glauben? An mein Täubchen.

Eine Aversion? Nationalstolz, EDM, 5 Minuten Terrinen und das Schulsystem in Norddeutschland.

Eine Leidenschaft? Ich pöbele ganz gerne, ist ja immer die Sache der Anderen, wie ernst sie das nehmen. Und ich zeichne, wenn ich genug Zeit habe, auch in Richtung Kalligraphie.

Einer deiner ausgeprägten Charakterzüge? Eine Anti-Haltung zu allem.

Der Sinn des Lebens? Irgendwie glücklich zu sein mit dem, was man macht und mit dem, was man ist.

Dein Gemütszustand? Ich würde sagen, ganz entspannt, aber auch direkt und wenn ich zappelig bin, dann richtig.

Wie wird dein Leben verlaufen? Ich hoffe, dass ich jetzt erstmal ein paar spannende Jahre hab, `was studiere oder so, und weiter will ich eigentlich noch nicht denken, damit ich mir nicht irgendwas vornehme, es dann nicht klappt und ich dann enttäuscht bin. Ich lass das eher so alles auf mich zukommen und guck, was sich ergibt und welche Richtung ich einschlage.

 

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.